Petershausen ist der bevölkerungsreichste Stadtteil von Konstanz. Durch die Rheinbrücke wie mit einer Nabelschnur miteinander verbunden, besteht zwischen der Altstadt und der Vorstadt ein reger Austausch. Petershausen-Ost mit seinen Bädern und den Kliniken dient der Erholung und Betreuung der Konstanzer, Petershausen-West hat die alte Stadt immer wieder von den Herausforderungen der Modernisierung entlastet. Hier war Platz für moderne Entwicklungen und für Zuwanderer. So können die Petershauser alle kulturellen und städtischen Einrichtungennutzen,die die Kernstadt zu bieten hat, eine Aufgabenteilung, bei der beide Seiten gewinnen.

1.Der Anfang von Petershausen.

1.1 Das Gelände gegenüber der Altstadt

Zwischen Prälatur links und Konventgedäude rechts die Klosterkirche St. GregorDer breite Geländestreifen am Konstanzer Trichter und am rechten Seerheinufer, auf dem der Stadtteil „Petershausen“ liegt, wurde bis vor 160 Jahren noch landwirtschaftlich genutzt. Bebaut war beinahe nur das sumpfige Ufer am Übergang vom See in den Rhein. Hier hat die Bischofsstadt schon 983 Fuß gefasst, mit der Gründung eines Benediktinerklosters. Der Klosterkirche wurde bei dieser Gründung eine besondere Aufgabe übertragen. Sie wurde hier, am gegenüberliegenden Ufer, als zweite Peterskirche erbaut - nach dem Vorbild von St. Peter am Tiber in Rom. Mit wundertätigen Reliquien ausgestattet, war sie im Verbund mit vier weiteren Apostelkirchen in der Altstadt das Ziel von Prozessionen und Pilgerrouten. Und damit war sie auch ein Bestandteil der Stadt, auf den nicht nur der Bischof, sondern auch die Bürger später Anspruch erhoben. Dem Kloster zwischen den Dörfchen Ober- und Unterhusen aber wurden große Ländereien übereignet zur Versorgung der aus Einsiedeln kommenden Mönche. Nach der Regel des Heiligen Benedikt wollten sie hier  hinter ihrer Klostermauer abgeschirmt von der Welt leben. Aber die Welt hat sie hier nicht verschont, das Kloster wurde geplündert, teilweise abgerissen, ganz zerstört, die Kirche brannte ab. Die Mönche sind diesem Ort trotzdem treu geblieben, und sie haben 800 Jahre lang ihr Kloster auf den Ruinen gehorsam wieder aufgebaut. Diese „Klausur neben dem Markt, ein Gutshof in der Stadt, eine Adelsdomäne in der Bürgergemeinde“, nannte Arno Borst „die Paradoxie Petershausen“. Als um 1500 das Klosterareal mit allen Bewohnern „zur Beute von Konstanz“ (Arno Borst) wurde, als der Rat nämlich die Abtei in die Stadtbefestigung und damit in den Rechtsbereich der Stadt einbezog, kündigte sich schon die Reformation mit einer Vertreibung der Mönche an. Die Mönche kamen zurück. Sie wurden bis zur Auflösung der Klöster 1802 ein bedeutendes Mitglied ihrer Ordensgemeinschaft und erlebten während der Gegenreformation eine letzte Blütezeit.

1.2 Vom Vorgarten zur Vorstadt

Obwohl das Kloster also 800 Jahre lang so dicht vor der Stadt lag, haben die Petershauser Benediktiner nur neue Klöster gegründet, in der Umgebung ihres Klosters aber kam es zu keiner dörflichen oder städtischen neuen Ansiedlung. Das Land vor der Klostermauer blieb vielmehr eine Art Vorgarten von Konstanz mit Obstgärten, Wiesen und Weinbergen. Lediglich ein paar Sommerhäuser begüterter Konstanzer Familien, einzelne Wirtschaftsgebäude und Ausflugslokale standen hier. Erst als die Bevölkerung in der Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland zunahm und in den Städten sprunghaft anstieg, bot sich dieses Gelände für eine Bebauung an. Auch in Konstanz suchten viele Neubürger Wohnungen und die Altstädter entdeckten das Gelände als Ausweichquartier. Das Klosterareal, das der Vorstadt den Namen gegeben hat, war da schon seit 1806 in den Besitz der Badischen Markgrafen (und späteren Großherzöge) übergegangen und blieb von der Entwicklung zur Vorstadt weitgehend ausgespart. Gerade der Übergang der Stadt Konstanz an Baden aber gab der Stadt neue Impulse, nicht zuletzt durch den Zuzug badischer Beamten in die Vorstadt.

2. Die Bebauung der Vorstadt

2.1 Der Eisenbahnbau

Die Entwicklung zur Vorstadt, mit den nicht genau abgegrenzten Seeuferlagen Neuhausen, Seehausen und Hinterhausen, nahm erst 60 Jahre später richtig Fahrt auf. Da hatte die hölzerne Rheinbrücke einer Konstruktion aus Stein und Eisen weichen müssen und die ersten Eisenbahnzüge dampften in den neugotischen Bahnhof am Hafen. Mit dem kostspieligen Eisenbahnbau 1863 hoffte die verarmte Stadt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die Bahn sollte die Stadt mit der Schweiz und dem Alpenraum verbinden, Sommergäste nach Konstanz bringen, Güter zum Weitertransport per Schiff an den See schaffen und eine Industrieansiedlung einleiten. Die Gäste kamen tatsächlich, aber alles andere gelang erst einmal nicht. Acht Jahre wartete man auf die Anbindung an die Schweiz, der Güterumschlag (Trajekt) erforderte den Bau noch weiterer Hafenanlagen und Industrieansiedlungen und hätten sehr viel mehr Platz gebraucht, als vorhanden war.

Da kam nun das rechte Rheinufer ins Spiel. Hier gab es viel Platz, viel Wasser und den Bahnanschluss – beste VoraussFa. Ludwig Stromeyer, einst größter Arbeitgeber der Stadt, lieferte Zirkus- und andere Zelte in alle Welt. Der Firmengründer Ludwig Stromeyer war ein Halbbruder des BM Max Stromeyer.etzungen für moderne Unternehmer – vor allem aus der Schweiz. Ein zusätzlicher Anreiz waren die niedrigen Steuern und die billigen Arbeitskräfte. Was die Arbeiter hier in den Tuchfärbereien erwartete schildert Tobias Engelsing: „16-stündige Arbeitszeiten, Kinderarbeit und schutzloser Umgang mit bleichenden, ätzenden und giftigen Chemikalien“. Aber, wer ohne Arbeit ist, der erträgt auch dies. Für die Arbeiter der größten Manufaktur im heutigen Strohmeyersdorf wurden immerhin sehr einfache Wohnungen in Petershausen bereitgestellt, denn die Arbeiter wurden auswärts angeworben. 1866 hatte Konstanz 9260 Einwohner. Unter ihnen gab es nur einige hundert "Bürger", also Männer, die das Stimmrecht besaßen.

 

2.2 Erste Baumaßnahmen unter Max Stromeyer

Es musste erst ein Mann wie der umstrittene, energische, liberale Bürgermeister Max Stromeyer kommen, der 1866 gewählt wurde und 1877 zurücktrat, um Pläne für die Vorstadt zu erstellen und die „wilde“ Bebauung zu regulieren. Finanzieren wollte er sein Projekt mit Mitteln aus den sehr reichen Spital-Stiftungen. Das gelang ihm auch, aber nur, weil Stromeyer den Gemeinderat umging, um beim badischen Staat die Rückgabe der Stiftungen an die Stadt zu beantragen. Damit hatte er Erfolg und Konstanz wurde als erster ehemaliger Reichsstadt die Verwaltung der Spital-Stiftungen wieder in Eigenverantwortung übertragen. Befreit vom Einfluss der Kirche, die Veränderungen scheute, konnte man nun Grundstücke tauschen und sogar eine Rendite erwirtschaften. Den letzten Anstoß für das Vorstadtprojekt gaben die unhaltbaren Zustände im völlig überfüllten ehemaligen Augustiner-Eremitenkloster, das die Spitalstiftung verwaltete. Dort war eine Schule untergebracht und die Alten, die Armen, die Waisen und die Kranken der Stadt fristeten hier ihr Dasein. Nachdem dieses Kloster abgerissen worden war – nur die Klosterkirche, die heutige "Dreifaltigkeits"-Kirche am Ende der heutigen Bahnhofstraße blieb vom gesamten Neugass-Viertel erhalten – sollte ein modernes Spital Dieser "freie und luftige Platz" wurde für den Krankenhaus-Neubau ausgewählt. Heute heisst das Gelände "Luisenpark".  Abhilfe schaffen, erbaut 1872 „auf einem freien und luftigen Platz“ – „von Anlagen und Obstgärten umgeben“. Und da steht es noch heute, als Teil der Herzklinik, Luisenstraße 9a, oberhalb des Parks an der Mainaustraße. Das stattliche Gebäude mit einem kleinen Dachreiter auf dem Mittelteil ist wohl das erste öffentliche Gebäude von Petershausen. Ein Blick auf den Stadtplan von 1874 zeigt „den Spital“ im rechten unteren Planquadrat eines projektierten Straßennetzes. Der Park ist hier noch ein „Gartenparterre“ mit geometrischen Blumenrabatten.

 2.3 Umbrüche in der sozialen Versorgung

Das Spital in Petershausen brachte für die Konstanzer tiefgreifende Veränderungen. Der badische Staat organisierte alle karitativen und sozialen Aufgaben neu, die jahrhundertelang die Kirche fast allein übernommen hatte. Jetzt wurden Schule, Armen- und Altenfürsorge von der Krankenpflege getrennt. Ab sofort gab es keine Almosen mehr. Ins Altenheim konnte sich einkaufen, wer Geld besaß, und die Armen mussten durch eigene Arbeit zu ihrem Unterhalt beitragen. Den Bau einer Schule in Petershausen ohne die Trennung der Kinder nach Konfessionen konnte Stromeyer aber nicht durchsetzen. Sein Plan wurde so lange boykottiert, bis die Schule in das leerstehende Franziskanerkloster am heutigen Sankt-Stephans-Platz zog. Obwohl der Bürgermeister eigentlich nur bestehende Gesetze umsetzen wollte, geriet der Katholik damit zwischen die Fronten von Kirche und Staat im „Badischen Kulturkampf“. Er wurde nicht nur diskriminiert, sondern schließlich auch exkommuniziert, wofür die Kirche wegen Amtsmissbrauchs von der Regierung gerügt wurde.

Einfach war dieser Neuanfang also nicht. Die Stadt hatte sich zwar früh ein paar Wiesen drüben am See gesichert. Aber oft musste erst hart verhandelt werden mit den vielen Eigentümern der Gärten und Weinberge. So kam ein weiteres Projekt, die Anlage eines neuen Friedhofs ins Stocken, weil die Dominikanerinnen der Niederburg erbitterten Widerstand leisteten. Sie wollten ihren besten Weinberg nicht opfern und gaben erst nach, als ein Teil der Weinstöcke „versehentlich“ abgesägt worden war. Vielleicht sahen sie auch ein, dass der überfüllte Schottenfriedhof endlich geschlossen werden musste. Hinnehmen mussten sie, dass ein „Kirchhof“ neuerdings ein weitläufiger Park war, der Menschen aller Konfessionen offen stand.

 2.4 Aufschüttungen am Seeufer und das Bad-Hotel

UWechselvolle Geschichte: Das prächtige "Bad-Hotel", in geradezu märchenhafter Idylle, wechselte sein Dasein zum Sanatorium "Konstanzer Hof", letztlich "Sanatorium Büdingen". Nach Abriss vor über zehn Jahren ist das 40.000m² große Grundstück zum Spekulationsobjekt verkommen. nter den größten Schwierigkeiten wurde das dritte Modernisierungsprojekt in die Wege geleitet. Bürgermeister Stromeyer beabsichtigte, die Flachwasserzonen am Seeufer großflächig aufzuschütten. Hier biss er aber beim Besitzer des Inselklosters sozusagen auf Granit. Der Jurist und Heimatforscher Eberhard Graf Zeppelin, ein Bruder des Flugpioniers, plante nämlich – nach dem Konkurs der Textil-Färberei und -Druckerei Macaire – das Kloster in ein „Inselhotel“ umzuwandeln. Durch die Aufschüttung wäre aber der Inselcharakter verloren gegangen. Stromeyer riet nun vom Bau des Inselhotels ab, weil bereits ein Hotel am Seeufer geplant sei. Er verschwieg dabei, dass er selbst an diesem Hotel finanziell beteiligt war. So stritt und verleumdete man einander auch noch weiter, als Graf Zeppelin vor Gericht Recht bekommen hatte. Was dann geschah, wissen wir. 1875 wurden beide Hotels gleichzeitig festlich eröffnet.

Das riesige elegante Bad-Hotel an der Seestraße (im heutigen Büdingenpark) ging leider nach dem ersten, verregneten Sommer in Konkurs und wurde später vom Inselhotel übernommen. Aufgeschüttet wurde dann nur am Hafen, am Stadtpark und entlang der späteren Seestraße. Aber auch die Seestraße entpuppte sich anfangs als Fehlinvestition. Durch die Anschüttung stiegen die Erschließungskosten so enorm, dass sich lange kein Käufer mehr fand.

 2.5 Die Klosterkaserne und die Oberpostdirektion

Die Klosterkaserne – eigentlich eine recht widersprüchliche Namensgebung, aber der Gechichte entsprechend nachvollziehbar.Die ehemalige "Jägerkaserne". Auch dieses Areal wurde städtebaulich umfangreich saniert. Die Gebäude stehen z.T. heute noch, am unteren Bildrand, die "Petershauser Halle", auch sie wird für Sport- und Konzert-Veranstaltungen intensiv genutzt.Gerade noch in der Amtszeit Stromeyers wurde auch die neue „Klosterkaserne“ 1877 fertig. Sie ist der größte Neubau im damaligen Konstanz. 1870 waren die badischen Truppen ins reichsdeutsche Militär eingegliedert worden und es wurden in Deutschland hunderte Kasernen für das neu entstehende Heer gebaut. Die neue "Klosterkaserne" lag direkt am Bahngleis, was günstig für militärische Transporte war. Und es war auch noch genug Platz zum Exerzieren in der Vorstadt vorhanden, um später eine zweite, die neubarocke „Jägerkaserne“, zu bauen. Für verheiratete Soldaten und Offiziere wurden in der Nachbarschaft Dienstwohnungen gebaut, wo nach dem Zweiten Weltkrieg ein vollkommen französisches Quartier entstand. So wenig beliebt, wie heute, war das Militär damals nicht. Es war im Gegenteil hochwillkommen, denn es war ein Wirtschaftsfaktor, verschaffte dem Handwerk Aufträge und förderte das gesellschaftliche Leben. Weil am Sternenplatz die Straße für die Unterführung 1938 tiefer gelegt wurde, steht die Klosterkaserne heute in einer gar nicht geplanten, beherrschenden Position.

1872 wurde ebenfalls in der Amtszeit Stromeyers am Bahnhofplatz zur Marktstätte eine Oberpostdirektion für Südbaden eingerichtet. 1891 zog diese Behörde in das imposante Gebäude um.Die nun "Kaiserliche Oberpostdirektion" wurde um das Postamt und das Telegrafenamt erweitert – und nun mussten noch Wohnungen für die Beamten gefunden werden. In Konstanz lebten jetzt 16 235 Menschen,  6 975 mehr als 1866. Das Wohnproblem löste man schließlich in den Zwanzigerjahren deutschlandweit sehr ähnlich und sehr erfolgreich mit genossenschaftlich organisierten Bauprojekten. Es wurden Häusergruppen gebildet, in der Sierenmoos-Siedlung für Bahn- und Postbeamte, und mit städtischer oder staatlicher Unterstützung finanziert. Die Bewohner steuerten Ersparnisse oder auch eigene Arbeitskraft bei, oder sie bildeten sogar Eigentum, indem über viele Jahre ein fester Betrag vom Gehalt abgezogen wurde. Auch das Musikerviertel war ursprünglich nach diesem Modell entworfen. Noch 1943 lebten hier ein Obertelegrafen-Inspektor, ein Oberpostsekretär a.D., ein Vermessungsrat, ein Steuerinspektor und vier Gymnasial-Professoren und ihre Familien eng benachbart (Einwohnerbuch Konstanz).Die Oberpostdirektion und die alte Post sind Geschichte, aber die Postgebäude prägen noch immer das Stadtbild.

 2.6 „Wilde“ Seeuferbebauung, Historismus, Gründerzeit

Zurück zu den „GrünDie "Villa Prym" von Südosten. Nach liebevoller Sanierung ein richtiger "Hingucker" am Ende der Seetraße.derjahren“, wo sich die Konstanzer sicherlich die Augen gerieben haben, als am See plötzlich prächtige Villen auftauchten, versteckt in Parks mit exotischen Bäumen. Mancher Besitz reichte bis zum Seeufer und sogar in den See hinein. Einige der Villen stehen noch, aber kein Anwesen ist so vollständig mit Park und Seeanstoß erhalten, wie in Lindau. Entlang des See- und des Flussufers und auch entlang der Ausfallstraßen entstanden sehr schöne Anwesen, viele davon mit Gärten. Hier bauten sich die Konstanzer Fabrikbesitzer standesgemäße Villen. Die alten Straßen blieben erhalten und sie verbinden Konstanz wie eh und je mit den später eingemeindeten Nachbarorten. Die Mainaustraße  wurde verbreitert, der Salzberg etwas abgetragen, die meisten projektierten Straßen und Plätze wurden gar nicht ausgeführt. Besser als die alten Wege konnte kein Entwurf vom Reißbrett das Gelände erschließen. Besonders schön ist die Villa Baader an der Mainaustraße 36. Sie wurde 1869 von Architekt Adolf Weinbrenner erbaut. Auch ihr Garten reichte weit hinunter bis fast an den See. Im Park der erhaltenen Villa Douglas von 1858 steht heute die Schmiederklinik. Bis zum See reicht heute kein Privatgrundstück mehr. Das verhindert seit 1995 eine Anschüttung, durch die ein öffentlicher Uferbereich vom Jachthafen bis zum Hörnle gewonnen wurde. Die Villa Prym, eine umgebaute Villa von1860, strahlt noch etwas von der Kultur und dem Reichtum der wohlhabenden Bürger aus, die damals aus ganz Deutschland kamen, um sich am See anzusiedeln. Aber es kamen auch weniger Wohlhabende nach Konstanz. Ab 1862 erlaubte es die „Gewerbefreiheit“, sich zur Existenzgründung überall niederzulassen. Auch Juden waren nun gesetzlich gleichgestellt.

Aber wohDas erste große Projekt im Bauboom der "Gründerzeit", das "Seehotel" im Jugendstil. Am linken Bildrand ist noch das Gasthaus "Zum Goldenen Strnen" zu sehen, das dem späteren  "Sternenplatz" seinen Namen weitergab. Nordwestlich davon das Kasernengelände, heute u.a. das Archäologische Landesmusum und das Polizeipräsidium. Rechts oben sind die Volksschule Petershausen und die"Notkirche St. Gebhard" (ca. 1916-1930) zu erkennen. Baubeginn der neuen St. Gebard-Kirche war 1929, die Notkirche wurde aber erst 1937 abgebaut, und aus deren Abbruchaterial die St. Suso-Kirche errichtet.er kam eigentlich diesmal das Geld? Die „neureiche“ Gründergeneration hatte ja noch kein großes Vermögen, sondern wollte erst reich werden! Also wurden Aktiengesellschaften und Banken gegründet, Kredite aufgenommen und Bau- und Sparvereine ins Leben gerufen. Die neue Bürgerschicht steckte viel Geld, Sorgfalt und Ehrgeiz in die Architektur ihrer Wohngebäude. Das zeigt sich vor allem an den großstädtischen Jugendstilhäusern an der Seestraße. Diese Bauweise eignete sich besonders gut für das Gelände zwischen den Ausfallstraßen, die ab der Rheinbrücke fächerförmig auseinander laufen. Die Grundstücke wurden durch die typische „Blockrandbebauung“ um einen Innenhof herum intensiv genutzt. Als Gegenentwurf zu den Altstadt-Häusern wurden sie aber hell und nach modernem Standard gestaltet. Die Neubauten bekamen Wasserleitungen statt Brunnen, Gaslicht erhellte Straßen und Häuser und das Abwasser lief nicht mehr in offenen Rinnen in den See.

SchEin imposantes Haus unter Denkmalschutz: Die ehemalige Volksschule am Zähringerplatz. Heute belegt mit der "Theodor-Heuß-Realschule" und der "Werk- und Gemeinschaftsschule Gebhard".ließlich fand man auch Platz für neue Schulen. Das Suso-Gymnasium (das alte JesuitenIn ebenso eidrucksvoller Bauweise entstand das "Suso-Gymnasium" an der Neuhauser Straße. Es ersetzte das Gymnasium zwischen Stadttheater und Pfalzgarten an der heutigen Konzilstraße. gymnasium) zog endlich 1911 in die Vorstadt.

Die erste „Volksschule“ war zwei Jahre früher fertig. Beide Schulen schmücken noch heute den Stadtteil.

 

 

 

 2.7 Werkswohnungen, Villenkolonie und Siedlungsbau

Ein Schild erinnert südlich des Bahngleises an einen weiteren Wachstumsmotor, an die Straßenzüge mit Arbeiterwohnungen, die unter anderem die Baumwollspinnerei Ten-Brink und die Firma Herosé hier bauten. Mit dem I.Weltkrieg brach der Bauboom der Jahrhundertwende ab. Nach dem Krieg waren Wohnungsnot und Geldmangel wieder da. Nun besann man sich noch einmal auf den Spar- und Bauverein und baute sehr sorgfältig durchgeplante Siedlungen im Stil von Gartenstädten. Bei deren Erschließung auf schwierigen Böden mussten die neuen Bewohner unter strengen Auflagen oft mit anpacken mussten: es entstanden die Das Sierenmoos: Eine urbane Siedlung zwischen Allmannsdorfer-Beyerle-Sierenmoosstr.-Klostergut. Es ist wie auch im "Heidelmoos" eine Flächennutzung mit hohem Freizeitwert, wie man sie sich heute im Stadtgebiet eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Vor einigen Jahren kam die Idee auf, die Gartenanlagen zu " verdichten", sprich, Wohnblöcke reinzustellen. Man erinnerte sich jedoch gerade noch an den bestehenden "Ensemble-Schutz", und wohl auch, dass es eine städtebauliche Sünde wäre.Sierenmoos-Siedlung für Bahn- und Postbeamte, etwas später das Musikerviertel für höhereDer "Hindenburg"-Block, auch das eine sehr goße Bürgersiedlung mit vielen Wohnungen in geschlossener Dreieck-Form. Mittelpunkt dieser Siedlung ist ein öffentlich zugänglicher Park mit Spielplatz und großen Bäumen. Beamte, wie Lehrer, und der Hindenburgblock und das Musikerviertel. Hier gab es die Auflage, nach einer kurzen Frist zur Planung mit heimischem Material und heimischen Handwerkern zügig zu bauen, um die Wirtschaft im Konstanz der Nachkriegszeit zu stützen. Diese Siedlungen sind noch heute begehrte Wohnquartiere. Sie stehen alle unter Ensembleschutz. Zwischen diesen Quartieren blieb noch Platz für privates Bauen und so wuchs Petershausen in einer Mischung aus durchgeplanten Siedlungen, privaten Bauten, Gewerbe und Bildungseinrichtungen immer weiter. Bauphasen wurden immer wieder von Krisen unterbrochen, die Entwicklung verlief in Schüben, was den Charme dieses stilistisch so abwechslungsreichen, planerisch aber kleinteilig zusammengesetzten Stadtteils heute ausmacht.

  2.8 Die Nazizeit

Die NDas legendäre Gasthaus "Zum Goldenen Sternen" musste mit weiteren Häusern weichen, um den nachfolgenden "Sternenplatz" verkehrsgerecht und mit Bahnunterführung gestalten zu können. Stadtbusse waren damals schon (seit 1928) unterwegs.ationalsozialisten verwandelten Petershausen in einen Hotspot für die „Kraft durch Freude“ Organisation. Dieser erste Massentourismus am See hatte, genau wie heute, auch eine Kehrseite, weil er zerstörte, was er suchte: idyllische Ruhe und viel Komfort für wenig Geld. Durch „Gleichschaltung“ sollte die historisch gewachsene Ordnung dem Diktat der Partei unterworfen werden. Entsprechend dem Personenkult der Partei wurden die Straßennamen „aktualisiert“. Die Seestraße hieß nun Adolf-Hitler-Ufer. Nach der Entrechtung der Juden wurden ihre Häuser zu Schleuderpreisen angeboten. 1936 hatte Konstanz 35 000 Einwohner und jeder kannte jeden, die Schweiz war zwar nah und es gelang, einige Menschen zu retten. Trotzdem wurden auch aus Petershausen ganze Familien verjagt und getötet. Auch gebaut wurde damals in Petershausen. Es entstand die Unterführung am Sternenplatz mit einem Umbau der Brücke. Dafür wurde das Sternenviertel abgerissen. Neu ist auch das damals sehr moderne Hallenbad am Rhein, und die "Bodenseekampfbahn",  das Stadion am "Hörnle".

3. Petershausen heute

3.1 Die heutige Bebauung

Petershausen blieb, wie die Altstadt, von Bombardierungen im Krieg verschont. Aber der Stadtteil hat sich sehr stark verändert. Er reicht heute vom Seeufer am Thermalbad bis zur Schänzlebrücke am Seerhein. Von dort läuft die Grenze hinauf bis zum Friedhof, in etwa am Höhenweg entlang, an der Friedrichshöhe hinunter und durch den Lorettowald wieder zum See. Entlang der Theodor- Heuß-Straße, dem Zähringerplatz und der Friedrichstraße wird Petershausen geteilt in einen Ost - und einen West-Teil.

Das alte Spital ist zu einem beeindruckenden Gesundheitszentrum aufgestockt worden. Ein neues Krankenhaus der Spitalstiftung mit dem Vincentius-Krankenhaus und dem Medizinischen Versorgungszentrum, die Herzklinik, zwei kieferorthopädische Praxen, die Schmiederklinik, das Strahlen-Therapie-Institut, das Rote Kreuz, die Rosenau mit einem Pflegeheim, das Labor Brunner und viele weitere Arztpraxen, sowie das Ärztehaus am Zähringerplatz und die Malteser in der Friedrichstraße sind hier dazugekommen . In Petershausen Ost gibt es neben dicht bebauten Wohnvierteln noch einen durchgrünten Bereich mit alten Einfamilienhäusern. Hier wurde aber auch abgerissen und verdichtet, um mehrstöckig neu zu bauen. Die großen Gärten wurden alle aufgeteilt und bebaut.

Der Petershauser Westen ist ein dicht bebautes Wohngebiet geblieben, das weiter wächst. Die Gewerbeansiedlungen ziehen sich zur Zeit hier zurück. Da die Nachfrage nach Wohnungen immer noch groß ist, weil die Menschen in die Städte drängen, wird hier weiter verdichtet und etwas anonym auf Industriebrachen gebaut. Auf dem sogenannten "Wohnungsmarkt" werden Wohnungen in Konstanz heute zu Höchstpreisen gehandelt. Man kann nur hoffen, dass für die Konstanzer selbst Wohn- und Lebensraum erschwinglich bleiben.

Das "Benediktiner"-Viertel einst...UnDas "Benediktier"-Viertel heute. Was für eine Entwicklung!d was ist aus dem Klosterareal geworden? Umfahren von den Ausfallstraßen und vom Bahngleis, liegen die Gebäude auch heute noch zugleich mitten im Geschehen und doch im Abseits. Das Kloster wurde Schloß, Spital und Kaserne . Nachdem das französische Militär 1977 abgezogen ist, sind die Polizei, städtische Behörden, das Stadtarchiv, das Archäologische Landesmuseum und die Musikschule eingezogen. Das Landratsamt erhielt auf dem Areal einen Neubau, ebenso die Verwaltung der stadteigenen Wohnungsbau-Gesellschaft Wobak.

 

3.2 Die Bewohner Petershausens heute

Petershausen hat heute eine bunt gemischte, urbane Bevölkerung. Und für all diese Menschen – es sind rund zwanzigtausend – für Studenten, für Berufstätige, für Familien mit Kindern, für Senioren und neuerdings für Migranten, gibt es alle Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, die eine Stadt bieten kann. Es wurden Kirchen für alle Konfessionen gebaut. Neben der Musikschule gibt es einen Musikverein und Kirchenmusik wird auf hohem Niveau gepflegt. Sportvereine, Bäder und herrliche Wege fürs Lauftraining sind dazugekommen. Nicht mehr wegzudenken ist der beliebte "Treffpunkt Petershausen".Neuerdings wird der Radverkehr stark gefördert. Aber – anders als in den später eingemeindeten Nachbarorten, die uralt sind, fehlt Petershausen ein echtes Zentrum. Die „Plätze“ Sternenplatz und Zähringerplatz sind Straßenkreuzungen und als zentrale Bushaltestellen nicht einladend zum Verweilen. Nur an den Markttagen trifft man Bekannte, früher auch in der Warteschlange an der Post. Vielleicht ist der Sog der Altstadt mit ihren vielen Kulturangeboten zu stark. Der Weg dorthin ist kurz, die alten Wege, die aus der Stadt hinausführen, führen auch schnell wieder hinein.

Nicht einfach zu beantworten ist die Frage, ob vom Kloster wirklich nur der Name auf den Stadtteil übergegangen ist. Vielleicht hat die bewegte Klostergeschichte doch noch andere Spuren hinterlassen? Tatsächlich kann es auf dem schönen Benediktinerplatz bei Festen und Veranstaltungen geschehen, dass an diesem besonderen Ort ein Gefühl der Zusammengehörigkeit aufkommt und der eine oder andere hier erstaunt entdeckt:

Ich bin ein Petershüsler! “

Ulla Stemmermann

 

Verwendete Literatur:

Arno Borst: "Mönche am Bodensee" Sigmaringen 1978

Wolfgang Kramer, Michael Losse: "Historismus und Jugendstil im Kreis Konstanz"  Hilzingen 2015

Marita Sennekamp: "Grün in der Stadt. Eine historische Spurensuche in Konstanz" Konstanz 2018

Ralf Seuffert: Konstanz. "2000 Jahre Geschichte"  Konstanz 2003

Gert Zang: "Restauration, Revolution, Liberale Ära.1806 bis 1870. Konstanz" 1994

Gert Zang: "Konstanz in der Großherzoglichen Zeit" Aufschwung im Kaiserreich. Konstanz 1993

Ulla Stemmermann, Autorin

Bilder-Nachweis:

Die in diesen Beitrag eingefügten Bilder sind unserem "Bilderbogen Alt-Petershausen" entnommen, dort sind die Quellenangaben  ausgewiesen:

Wolfgang Betz, Administrator

https://www.bg-petershausen.de/index.php/wir-in-petershausen/bilderbogen